Konzert vom 12./13. März 2010:
Johannespassion (Johann Sebastian Bach) |
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Ein Prozess von gewaltiger Dynamik
von Nikolaus Cybinski
©Badische Zeitung,16.03.2010
Zu fragen bleibt zuerst: Woher kommen die Anziehungskraft und Magie dieser Musik, die die
Menschen immer noch in Scharen anlockt – die Kirche war an beiden Abenden voll besetzt – und
die zum Beispiel nach dem Schlussakkord ein langes Schweigen, ja eine existenzielle Stille
bewirkt? Da eine Konzertkritik darüber nicht spekulieren sollte, hat sie sich an die konkreten
und benennbaren Fakten zu halten, um eine Antwort zu finden; hier sind sie: Der Basler Bach-Chor,
das Barockorchester Capriccio Basel (Konzertmeister Dominik Kiefer) und die Gesangssolisten Nuria
Rial, Sopran, Martin Oro, Altus, Gerd Türk (Evangelist), und Valentin J. Gloor, Tenor, Stefan Vock
(Christus), Bariton, Marian Krejcik, Bass , überzeugten mit einer Interpretation, die klar die
Handschrift des Chorleiters Joachim Krause verriet. Dass er seinen grossen Chor in puncto Beweglichkeit,
Dynamik, Intonation und Artikulation gründlich einstudiert hatte, war zu erwarten. Doch dass er ihn
so prononciert von den Texten her singen liess, war eine Überraschung. Diese Akzente begannen mit den
drei Invokationen, die das "Herr, Herr, Herr" fast demonstrativ herausstellten, und setzten sich fort
in der Betonung einzelner Wörter zum Beispiel in den Chorälen, wie "Ich, ich (Forte) und meine Sünden"
(Piano), und dieses enge am Text Singen führte in den Schlüssen zu unsentimentalen Ritardandi oder
einer ins Piano gesteigerten Verinnerlichung wie im Choral "In meines Herzens Grunde", wenn am Schluss
das "Herr Christ" als persönlicher Anruf hörbar wird.
Joachim Krause versteht die Passion von Beginn an, wenn die stereotypen Bassfiguren des Vorspiels
die kommende Tortur vorwegnehmen, bis zum Schluss als in sich verschlungenen dynamischen Prozess, in
dem es zwar immer erneut tiefe Augenblicke des bei sich Verweilens gibt, der aber dennoch mit göttlicher
Gewalt vorangetrieben wird und letztlich an unsere Fähigkeit appelliert, in unserer Ohnmacht mit zu
leiden. Das so stringent durchgehalten zu hören, war überzeugend und beeindruckend.
Gerd Türk war ein sympathisch unaufgeregter Evangelist, dem man jedes Wort glauben konnte.
Stefan Vock sang den Christus bewegend schön, doch etwas zu eingeschränkt als Leidenden, der
nur kurz vor Pilatus Selbstbewusstsein zeigt. Nuria Rial, Valentin J. Gloor, Marian Krejcik
(ein ausgezeichneter Pilatus) und Martin Oro bildeten ein hörenswertes, sich harmonisch ergänzendes
Gesangsquartett. Zu fragen bleibt, ob die Arie "Es ist vollbracht" von einem Altus gesungen werden
sollte. Martin Oro sang sie "con affetto", doch seiner gewiss schönen Stimme fehlte das Timbre,
das eine Frauenstimme, die hier naturgemäss tiefer klingt, hat, und dieses Defizit nahm der Arie
etwas von ihrem unergründbaren Geheimnis. Das Capriccio mit seinen exzellenten Solisten, wie immer
engagiert und hellwach spielend, war wesentlich am Gelingen dieser beeindruckenden Aufführung beteiligt.
Nach der Stille, langer dankender Beifall.
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Konzert vom 20./21. November 2009:
Das Gilgamesch-Epos (Martinů) |
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Verinnerlichung und Protest
von Nikolaus Cybinski
©Badische Zeitung,23.11.2009
Die Geschichte Gilgameschs, des Königs der sumerischen Stadt Uruk , ist dank der bisher entzifferten
Tontafeln einigermaßen sicher rekonstruierbar: Er war zu einem Drittel menschlicher und zu zwei Dritteln
göttlicher Natur und herrschte als rastlos-tätiger Despot, was seine Untertanen schließlich nicht länger
ertrugen und sich bei den Göttern beschwerten, worauf die Göttin Aruru das menschenähnliche Wesen Enkidu
schuf, das Gilgamesch bändigen sollte. Die beiden bekämpfen sich – und werden zuletzt Freunde. Doch Enkidu
stirbt bald darauf; sein Tod stürzt Gilgamesch in eine Krise, in der er begreift, auch sterblich zu sein
und sich nun bemüht, gerecht zu herrschen.
Der tschechische Komponist Bohuslav Martinu (1890 in Policka geboren und 1959 in Liestal gestorben)
komponierte auf Anregung seines Mäzens Paul Sacher (auf dessen Anwesen oberhalb Frenkendorfs er seine
letzten Jahre verbrachte) Teile der Gilgamesch-Texte, nachdem er sich seit 1948 mit dem Thema der
„strukturellen Gewalt“ beschäftigt hatte. Die Texte ließen sich zu einem Oratorium verdichten, zu einem
tönenden Lehrbeispiel als Form des Protestes gegen „Mechanisierung und Uniformität“ (Martinu). Kompositorisch
legte Martinu von den drei Teilen: „Gilgamesch“, „Der Tod des Enkidu“ und „Die Beschwörung“ den Schwerpunkt auf
die beiden letzten und machte sie zur intimen Totenklage.
Am Freitag hörten wir das Werk, das Joachim Krause mit seinem Basler Bach-Chor, der sinfonietta basel und
den Solisten Carola Glaser, Sopran, Martin Nyvall, Tenor, Markus Volpert, Bariton, Michael Leibundgut, Bass
und Roberto Bargellini als Sprecher einstudiert hatte, in einer konzentrierten und packenden Interpretation.
Martinu blieb komponierend seiner böhmischen Herkunft treu, das heißt Musik ist für ihn keine Sache des Kopfes
(obschon er genau kalkulierend komponiert), sondern in erster Linie Ausdruck und Ausbruch der Gefühle. Und dafür
fand er, nach Bruckner und Mahler, die vereinzelt durchtönen, seine Sprache, die eine der stillen und intimen
Verinnerlichung ist („Enkidu, dich flehe ich an, steig aus dem Grab“, und das letzte Wort als Dur-Akkord) und
eine des vehement protestierenden Aufbegehrens („Enkidu! Steig aus dem Grab!“) mitsamt einer provozierenden
danse de mort.
Krauses Interpretation markierte diese extremen emotionalen Positionen durchaus glaubwürdig: weder
weinerliche Sentimentalität da noch hohles Pathos dort. Dank der hohen Spielkultur der sinfonietta war
das orchestral kein Problem, und choristisch wurde es keines, weil der Bach-Chor gründlich vorbereitet
war. Präzis-beweglich, intonationssicher und klar artikulierend war der große Laienchor ein sensibler
Dialogpartner der Gesangssolisten, aus denen, vielleicht auch bedingt durch seine Rolle als Gilgamesch,
Markus Volpert herausragte. Sopran, Tenor und Bass durften sich als Erzähler nicht in gleicher Weise
entfalten. Roberto Bargellini war ein wohltönend sachlich deklamierender Sprecher. Starker, langer
Beifall für eine Aufführung, die die Konzerte zum Gedenken an Martinus 50. Todestag würdig ergänzte.
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Konzert vom 20./21. März 2009:
Matthäuspassion (Johann Sebastian Bach) |
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Vom Leiden und Sterben Jesu
von Gottfried Driesch
©Die Oberbadische,23.03.2009
Basler Bach-Chor unterstreicht seine Kompetenz mit der Matthäuspassion
Um es vorweg zu sagen: Der Star des Abends war eindeutig der Basler Bach-Chor selber. Mit Inbrunst und grossem
Einfühlungsvermögen gestalteten die Sängerinnen und Sänger die grosse Chorpartie der
Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach (1685-1750) am Freitag in der sehr gut besuchten Martinskirche
Basel. Ob bei den streitbaren Einwürfen der Jünger, Pharisäer und des Volkes oder den verklärten,
tief in die Seele gehenden Chorälen - immer war der Chorklang jugendlich präsent und von Klangschönheit
geprägt. Beim Eingangschor wirkte zusätzlich die Mädchenkantorei Basel (Leitung Cordula Bürgi) mit.
Statt Violoncello und Kontrabass kamen Instrumente aus der Familie der Gamben zum Einsatz. Hervorragend auch die
differenzierte musikalische Gestaltung, die keine Wünsche offen liess. Der Musikalische Leiter Joachim Krause
konnte bei diesen beiden hervorragenden Klangkörpern seine Aufmerksamkeit ganz auf die gefühlvolle
Interpretation dieses musikalischen Meisterwerkes richten.
Bester Solist des Abends war Marian Krejcik, der die Bass-Arien und die Worte von Judas, Petrus und Pilatus sang.
Sehr spontan im Ansatz, mit einer grossen, dunklen Stimme, füllte er den grossen Kirchenraum mühelos aus.
Bei der sehr anstrengenden Partie des Evangelisten stiess Reginaldo Pinheiro an die Grenzen seiner Möglichkeiten.
Den Christus sang Auke Kempkes mit einer sehr künstlichen Technik. Präzision und Textverständlichkeit
kamen dadurch oft zu kurz.
Sehr gut besetzt war die Alt-Partie mit dem Kontratenor Martin Oro. Mit ihrem sehr feinen Sopran hatte Lenneke Ruiten
hingegen oftmals Probleme, über das Barockorchester zu kommen.
Die Bach-Forschung ist sich uneins darüber, ob zu Bachs Lebzeiten - die Matthäuspassion erklang 1729 zum
ersten Mal - dem Komponisten ein grosser Chor zur Verfügung gestanden hat. Deshalb kann man manchmal die
Matthäuspassion auch in kleiner Besetzung hören, wie etwa vor Jahresfrist mit dem Kammerchor Stuttgart im
Burgdorf Lörrach. Gleichwohl hinterlässt die Aufführung mit grosser Chorbesetzung wie jetzt in Basel
einen nachhaltigen Eindruck.
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Konzert vom 14./15. März 2008:
De profundis/Requiem (Jan Dismas Zelenka) |
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Ewige Ruhe für den Kaiser
von Sigfried Schibli
©Basler Zeitung,17.03.2008
Barockmeister Zelenka beim Basler Bach-Chor
Die Texte kennt man, die Musik indes ist gewöhnungsbedürftig: Der Bach-Chor sang in der Martinskirche geistliche Werke des Dresdener Bach-Zeitgenossen Jan Dismas Zelenka und stiess auf offene Ohren.
Die zweite Karriere des Dresdener Hofkirchenmusikers Jan Dismas Zelenka (1679–1745) begann vor rund dreissig Jahren mit seiner hochvirtuosen, mitunter bizarren und die Grenzen des instrumental Möglichen auslotenden Kammermusik. Die
Wiederentdeckung dieses Komponisten ist bis heute nicht abgeschlossen. Zu ihr trug jetzt der Basler Bach-Chor unter Joachim Krause mit zwei zentralen geistlichen Werken des böhmischen Aussenseiter-Genies und Bach-Zeitgenossen bei.
Zelenkas
Psalmvertonung «De Profundis» in d-Moll beginnt mit tiefen Männerstimmen, die gleich nochmals ein paar Treppenstufen tiefer in den Keller steigen. Sekundiert werden sie von Orgel, Hörnern und tiefen Streichern – bildlicher kann man die menschliche
Klage «aus der Tiefe» nicht darstellen. Und grösser könnte der Kontrast zum Mittelteil dieses Werks mit seinem blühenden Oboensolo (Orchester Capriccio Basel) kaum sein.
EIFRIG. Zelenkas dreiviertelstündiges d-Moll-Requiem ist buntscheckiger und weniger aus einem Guss. Die Totenmesse überrascht durch mancherlei Details, in denen der Bach-Chor mit seinem runden, ausgeglichenen Klang und die perfekt abgestimmten
Solisten Rebecca Ockenden (Sopran), Bernhard Schafferer (Alt), Simon Witzig (Tenor) und Michael Leibundgut (Bass) wunderbar harmonierten. Zu den Überraschungen zählen die Trommelrhythmen, die in den sonst ungewohnt lieblichen Satz «Dies irae» mit seinem
Chalumeau-Solo eingestreut sind. Oder der tänzerische Charakter der Musik bei «Liber scriptus...» und der ungeduldige Glaubens-Eifer, mit dem die Stimmen bei «Osanna in excelsis» einsetzen, sich fast ins Wort fallend. Die bekannte Bitte um Ruhe im
Tod hat Zelenka übrigens umgedeutet: In seiner Totenmesse gilt sie nicht «ihnen», sondern «ihm», dem Kaiser Joseph I.
Einschmeichelnd sanft schliesst diese Totenmesse, die nicht die Pracht zeitgleicher und nicht die Dramatik späterer Requiem-Vertonungen aufweist und deren Melodien sich kaum zum Nachpfeifen eignen. Gleichwohl eine wertvolle Repertoirebereicherung,
welcher sich der Bach-Chor unter Joachim Krause souverän stellte.
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Konzert vom 17./24. November 2007:
Das Buch mit Sieben Sieglen (F. Schmidt) |
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Apokalypse jetzt!
von Benjamin Herzog
©Basler Zeitung,19.11.2007
Nicht alltäglich: Franz Schmidts Oratorium «Das Buch mit sieben Siegeln» im Konzert des Basler Bach-Chors, des Zürcher Gemischten Chors und der «basel sinfonietta». Dirigent Joachim Krause meisterte die Apokalypse unbeschadet.
Vieles war verkehrt: Die Bestuhlung im Basler Münster zeigte zur Orgel hin. Und statt der üblichen Chor-Klassiker von Händel, Bach und Mendelssohn bekam das Publikum eine musikalische Vertonung der Apokalypse zu hören. Der österreicher Franz Schmidt vollendete das monumentale Werk nach der biblischen Vorlage des Propheten Johannes 1937, zwei Jahre vor seinem Tod. Und drei vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Somit stand das Oratorium, wenn auch indirekt, im Bezug zur politischen Gegenwart. Zwischen romantischer Klangsprache und naturalistischem Donnern entfaltet sich die Klangsprache Schmidts. Nur von den Zwölftechniken der später als «entartet» taxierten Schönberg-Schule wollte er nicht Gebrauch machen.
Vokale Power. In der Vision des Johannes wird die Menschheit mit Naturkatastrophen, Krieg und Tod geschlagen. In Stufen steigern sich die Qualen bis zum Tag des Jüngsten Gerichts, den nur die Gottestreuen überleben. So etwas fordert grosse Mittel. «So viele Sänger wie möglich» verlangt Schmidt in der Partitur, und der Basler Bach-Chor fusionierte für das Projekt kurzerhand mit dem Gemischten Chor Zürich: eine beeindruckende und homogene Masse, die nach Möglichkeit Vokalpower ausstrahlte.
Der Schlusschor des ersten Teils («Die Erde wankt») mit seinen rhythmisch vertrackten Fugenteilen schildert das verwirrte Entsetzen der gebeutelten Menschen und war dabei – so viel Ordnung muss sein – doch transparent und bewundernswert diszipliniert gesungen. Kompliment!
Widersprüchlich ist die Musik auch dort, wo das «grosse Schweigen im Himmel» geschildert werden muss: Die «basel sinfonietta» wogte hier in sanfter Klangsüsse! Das mit vielen Wassern der musikalischen Moderne gewaschene Orchester stürzte sich aber auch mutig in unüblichere Klangregionen, überzeugte mit dem Dröhnen der himmlischen Posaunen genauso wie beim satanischen Knurren tiefer Holzbläser oder in den beherzten Einsätzen des Schlagzeugs beim letzten Streit der Mächte. Gewaltig sind die Kämpfe, wenn Gott und Satan um die Menschheit ringen.
In der Rolle des Johannes führte Jason Kim mit zwar leicht trüber Intonation, sonst aber kräftig und stimmlichgrundsolide durch die zwei Stunden. Die Stimme des Herrn (Kresmir Strazanac) klang rund und vertrauenerweckend (gottes-) väterlich. Die Damen Marion Amman und Jordanka Milkova rührten als Not leidendes Duo («Mutter, ach Mutter») und Martin Snell und James Elliott im Duett der beiden überlebenden.
berührender Höhepunkt. Münster oder Konzertsaal? Trotz des Themas wäre das Oratorium im Stadtcasino besser aufgehoben gewesen: der Kirchenraum schluckte viel Klangenergie. Eindringlich immerhin waren die starken Orgelsoli (Els Biesemans). überhaupt: «Das Buch mit sieben Siegeln» ist hörbar das Werk eines Organisten. Vor allem die abschliessenden Halleluja- Anrufungen machten das deutlich. Am Schluss sei- ner klar disponierten Regie setzte Joachim Krause ei nen bekräftigenden und
berührenden Höhepunkt. Etwas war bestimmt nicht verkehrt, diese gewaltige Rarität dem Publikum vorzuführen.
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Vision der Apokalypse
von Alfred Zimmerlin
©NZZ,26.11.2007
Mehr Affirmation ist fast nicht möglich, als man sie beim «Amen» von Franz Schmidts Oratorium «Das Buch mit sieben Siegeln» zu hören bekommt. Oder am Schluss des «Hallelujah!», wo der Klang berauschende Dimensionen annimmt und die Orgel den grossen Tonhallesaal Zürich in seinen Grundfesten erbeben lässt. Der ungarisch-österreichische Komponist Franz Schmidt (1874 bis 1938) hatte nichts Geringeres unternommen, als die Kernvision der biblischen Johannes-Apokalypse in ein riesenhaftes Oratorium für sechs Soli, Chor, Orgel und grosses Orchester umzuformen – als Erster in der Musikgeschichte. Am Schluss wird die neue Weltordnung so gefeiert, dass einem, denkt man an die Entstehungszeit des Werkes, 1935 – 1937, doch auch ein wenig mulmig wird. Nun, Schmidt war damals politisch etwas naiv und im übrigen ein tief gläubiger Katholik. Und grosse Teile seines «Buchs mit sieben Siegeln» sprechen eine gegensätzliche Sprache, sind auf der Höhe der Zeit und hätten einem anderen Komponisten wohl das Verdikt «entartet» eingebracht. Eine etwas weniger grossflächige Interpretation, welche vor allem auf der Ebene der Artikulation, Gestik und Präzision differenzierter vorgegangen wäre, hätte noch ganz andere Zwischentöne erlebbar gemacht.
Es ist schon ein eindrückliches, opernhaft-visionäres und ungemein farbiges Oratorium, diese Rarität, und von einer grossen musikalischen Finesse. Dass es erklingen konnte, ist dem Gemischten Chor Zürich, dem Basler Bach-Chor, der Basel Sinfonietta, der Organistin Els Biesemans und dem Dirigenten Joachim Krause zu verdanken. Sie haben ein Werk, das es wert ist, gehört zu werden, auf höchst beachtliche und engagierte Weise zur Diskussion gestellt. Wunderbar erklangen die grossen Chorstellen, und die Solisten nahmen viel Raum ein. Vorab der Tenor Jason Kim sang als Johannes den Löwenanteil des Werks bewundernswert, und er hatte alle Register vom lyrisch-beweglichen Evangelisten bis zum Heldentenor zu ziehen. Ausgewogen der Bass Kresimir Strazanak (Stimme des Herrn) und fabelhaft, klangvoll das Solistenquartett mit Marion Ammann (Sopran), Jordanka Milkova (Alt), James Elliott (Tenor) und Martin Snell (Bass).
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Der Teufel hat die krummen Noten
von Anna Kardos
©Tages-Anzeiger,26.11.2007
«Epigonal»: Um das Wort kommt man in einer Diskussion um Franz Schmidts (1874–1939) Oratorium «Das Buch mit sieben Siegeln» (1937) nicht herum. Schmidt, ein musikalischer Tausendsassa (er spielte ausgezeichnet Cello wie Klavier, war vierfacher Professor am Wiener Konservatorium und soll seine eigenen Werke während der Abendvorstellungen im Orchestergraben komponiert haben), war der spätromantischen Tradition verpflichtet, während sich die Avantgarde um Schönberg längst der Zwölftontechnik zugewandt hatte. Dass Schmidt in seinem Oratorium (nach dem Text des Johannes-Evangeliums) Diatonik noch mit Göttlichkeit und Chromatik mit dem Teufel verbindet, lässt zumindest aufhorchen.
Die fein nuancierte Darbietung des Werks durch den riesigen Klangkörper – ein Zusammenschluss aus dem Gemischten Chor Zürich, dem Basler Bach-Chor und der basel sinfonietta nebst Orgel und Solisten – war unbestreitbar beeindruckend. Unter der Leitung Joachim Krauses agierte der Chor trotz seiner Grösse behände wie präzis und zeigte sich der anspruchsvollen Partitur auch stimmlich gewachsen. Einzig die dynamische Balance zwischen Chor, Solisten und Orchester entglitt hin und wieder Krauses Kontrolle. Die sinfonietta, welcher für einmal eine eher begleitende, tonmalerische denn «sinfonische» Funktion zufiel, liess es sich dennoch nicht nehmen, seinen Beitrag schwungvoll, klanglich homogen und klar phrasiert zu leisten.
Jason Kim in der Rolle des Erzählers Johannes agierte zwar technisch souverän, aber in Belcanto–Manier, so dass der narrative Zusammenhang einzelnen emphatischen Tönen weichen musste. Dagegen überzeugten die jeweils tiefen Stimmen Alt und Bass des Soloquartetts (Marion Ammann, Jordanka Milkova, James Elliott und Martin Snell) und auch Kresimir Strazanak brachte den «Gott der Offenbarung» durch sein warmes Timbre schön zur Geltung.
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Konzert vom 27./28. April 2007:
Stabat Mater/Gloria (Francis Poulenc) |
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Brillianz in der Martinskirche
von Gottfried Driesch
©Die Oberbadische,02.05.2007
Der Basler Bach-Chor würdigt diesmal unbekanntere Komponisten
In seinem grossen Konzert am vergangenen Wochenende in der Martinskirche Basel hatte der Basler Bach-Chor
unter seinem langjährigen Dirigenten Joachim Krause erneut ein Programm nicht allzu geläufiger Musik
zusammengestellt. Im Zentrum stand das sakrale Werk von Francis Poulenc (1899-1963).
Der Komponist Francis Poulenc schloss sich nach dem Ersten Weltkrieg der «Groupe des Six» an. Dem
Expressionismus konnte Poulenc nur wenig abgewinnen. Er stand für eine grosse Klarheit in der Musik, und so
finden sich in seinen Werken viele melodiöse Passagen. Selber sah sich Francis Poulenc besonders als Opernkomponist,
während die Musikwelt seine geistlichen Werke hervorhebt.
Auf dem Konzertprogramm standen jezt das Stabat Mater aus dem Jahre 1950 und das Gloria (1957). Neben dem Basler
Bach-Chor wirkten die «basel sinfonietta» und die koreanische Sopranistin Yeree Suh mit. Die Werke sind
auf die traditionellen lateinischen Texte komponiert. Hier irritierte etwas die mehr an den Ausspracheregeln des
Italienischen als am traditionellen Kirchenlatein ausgerichtete Aussprache von Chor und Solistin. Die zwölf Teile
des Stabat Mater weisen sehr unterschiedliche Charaktere auf. Vom impulsiven und aufgeregten «Quis est homo»
über das sehr ruhige und feierliche «Vidit suum» bis zu einen überwiegenden A-capella gesungenen
«Fac, ut ardeat» schöpft Poulenc alle Möglichkeiten der kompositorischen Gestaltung aus. Der Chor bewältigt
seine Aufgabe in gewohnt perfekter Art. Yeree Suh, die über einen frei schwebenden, lyrischen Sopran verfügt,
gestaltete ihre Passagen sehr einfühlsam. Joachim Krause leitete die Aufführung ohne merkliche Unsicherheit. Mit
grosser Intensität hatte er die vielen dynamischen Schattierungen herausgearbeitet. Mit den Musikern der
«basel sinfonietta» stand ihm dabei ein sehr guter Klangkörper zur Verfügung.
Auch das «Gloria» schöpft weitgehend aus einem tonalen Klanggefüge. In ein grosses Vorspiel der Blechbläser
im «Laudamus te» fügt sich der auch hier hervorragende Chor ein. Ganz lyrisch dafür die Einleitung zum
«Domine Deus», in dem Yeree Suh ihre Stimme zum Blühen brachte. Im Abschliessenden «Qui sedes ad
dexteram Patris» konnte der Chor dann nochmals all seine Kraft entfalten.
Die Zuhörer dankten für das Konzert mit einem lang anhaltenden Beifall.
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Konzert vom 24./25. März 2006:
Requiem (F. von Suppè) |
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Wiener Italianità
von Markus Erni
©Basler Zeitung,28.03.2006
Innerhalb der Donaumonarchie war Franz von Suppè ein Grenzgänger, ein Adliger aus dem damals italienischsprachigen Split, der Wien mit Operetten belieferte, die gerne mehr, nämlich Opern gewesen wären. Suppè wandelte dabei das Lapidare des südländischen Belcantos in eine gemütvoll-transalpine Spielart um. In den Theaterspielplänen tauchte sein Name bis in die 1970er-Jahre regelmässig auf, heute ist er fast vergessen.
Der Basler Bach-Chor nahm sich nun seines 1855 entstandenen Requiems an. Hier vermischen sich gediegenes Handwerk und Originalität der Ideen. Noch zopfig fugiert kommt etwa das Kyrie daher. Im abschliessenden «Libera me» hingegen mit seiner thematischen Verknüpfung zum Introitus und zur «Dies irae»-Sequenz scheint jene zyklische Gestaltung auf, die 14 Jahre später zum Ausgangspunkt des Verdi-Requiems werden sollte.
Entfaltung.
Für einen Laienchor gestaltet sich die Wiedergabe jedenfalls äusserst dankbar: Er kann die Hauptrolle spielen, ohne dass die Ansprüche allzu hoch wären. Joachim Krause nutzte die Gelegenheit und arbeitete mit dem Bach-Chor auf eine beachtlich differenzierte Gestaltung hin. Aufhorchen liess die Balance der Stimmregister in den homophonen Teilen, wie zu Beginn im Introitus oder später im Offertorium. Routinierte Kontur besass die Polyphonie des Kyrie oder der obligaten Fuge «Quam olim Abrahae». Impetuös-dramatisch gerieten der Männerchor im «Confutatis», in ätherischem Kontrast dazu die «Voca me»-Rufe der Frauen. Auffallend waren auch die kultiviert ausklingenden Schlüsse.
Mit Carola Glaser (Sopran), Mojca Vedernjak (Mezzo), Hans-Jürg Rickenbacher (Tenor) und Matthias Horn (Bass) kam ein Soloquartett hinzu, das sich weniger in exponierten Arien denn als Ensemble zu profilieren hatte. Die Bewährungsprobe stellt der A-cappella-Satz des «Benedictus» dar, er besass sprechende Lebendigkeit und vokale Homogenität. Ihren besonderen Reiz erhielt die Aufführung durch die Orchesterfarben, die das Orchester Capriccio Basel (Konzertmeister: Dominik Kiefer) beitrug. Da wurde historisierend, in den Streichergruppen durchsichtig und weitgehend vibratolos, in den Bläsern auf alten Instrumenten klanglich apart und erdig musiziert. Selbst der zirkushafte Banda-Ton des «Hostias» bekam den Charme einer Nino-Rota-Filmmusik.
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Konzert vom 18./19. November 2005:
The Messiah (G.F. Händel) |
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Aus dem Leisen heraus
von Sigfrid Schibli
©Basler Zeitung,21.11.2005
Zwei Aufföhrungen von Händels Oratorium «The Messiah» forderten den Basler Bach-Chor und das Barockorchester Capriccio Basel heraus.
Georg Friedrich Händel war nicht nur ein einfallsreicher Komponist, sondern auch ein Psychologe. Kaum anders ist es zu erklären, dass er sein Oratorium «The Messiah» - ein zweieinhalbstöndiges Werk, das Weihnachtsgeschichte, Passion und Dankhymnus verbindet - so anlegte, dass das Interesse der Hörenden und die Konzentration der Ausföhrenden bis zuletzt nicht abreissen. Gerade in den letzten dreissig Minuten passieren so faszinierende Dinge wie der «Hallelujah»-Chor, die zauberhaft schwebende Sopranarie «I know that my redeemer liveth» und die Bassarie «The trumpet shall sound» mit ihrem Trompetendialog.
Eine zugleich gut geerdete und wunderbare Aufföhrung war jetzt in der Basler Martinskirche zu geniessen.
Beweglich.
Bach-Chor-Leiter Joachim Krause hatte ein Solistenquartett aufgeboten, das kaum Wönsche an Differenzierung und Textdeutung offen liess; keine röhrenden Opernstimmen, sondern leichte be- wegliche Stimmen mit feinem Piano, von denen mir der klar zeichnende Altus von Bernhard Schafferer und der samtene Bassbariton von Dominik Wörner am besten gefielen.
Mit dem Barockorchester Capriccio unter Konzertmeister Dominik Kiefer stand ein vorzöglicher Klangkörper zur Verfögung, der die diversen Streicher- und Bläsersoli glänzend absolvierte und auch als Ganzes abgesehen von wenigen Intonationströbungen öberzeugte.
Und der Chor? Ein Laienchor, man weiss. Ein grosser, vielleicht achtzigköpfiger Apparat. Das könnte zu breiigem Einheits-Mezzoforte föhren. Und es war doch anders: Dieser Bach-Chor bot bei stets ausgewogenen Gewichtsverhältnissen zwischen den Stimmgruppen viele interessante und klug gestaltete Stöcke.
Tänzerisch.
Zum Beispiel «And he shall purify the sons...» im ersten Teil, wo von einem sehr zarten Piano ausgehend immer mehr Intensität und Kraft ins Spiel kamen. Oder «For unto us a child...» mit seinem leichten tänzerischen Gestus und den begeisterten «Wonderful»-Rufen. Oder den mit scharfer Punktierung gewörzten Chorsatz «Lift up your heads» im zweiten Teil.
Die Fugen, Knackpunkt aller Händel-Oratorien, kamen beherrscht und frei im Klang vom Podium herunter, so dass auch das anspruchsvolle Ohr die 137 Händel-Minuten nicht als zu lang empfand.
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Konzert vom 30. April 2005:
Avodath Hakodesh/Kreuzstabkantate (E.Bloch/J.S.Bach) |
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Crescendo-Musik
von Benjamin Herzog
©Basler Zeitung,02.05.2005
Mit Ernest Blochs «Avodath Hakodesh» sang der Basler Bach-Chor eines der seltenen, liturgisch verwendbaren Werke jüdischer Musik.
Meyerbeer, Mahler, Milhaud - diesen drei Komponisten eine gemeinsame Sprache nahe legen zu wollen, wäre absurd. Trotzdem sind sie im Lexikon unter dem Stichwort «jüdische Musik» versammelt. Mit der Frage, was das sei, befassen sich Studien und Seminare häufig - meist mit dem Resultat, dass der Begriff nicht zu umgrenzen sei.
klangmalerisch.
Beschränkt man jüdische Musik aber auf solche mit liturgischer Funktion, wird die Sache einfach. Statt einer christlichen Messe sang der Bach-Chor nun Ernest Blochs «Avodath Hakodesh», einen «Gottesdienst» für Bariton, gemischten Chor und Orchester. Das in den USA entstandene Werk sprüht vor klangmalerischem Erfindungsgeist. Blochs Stil lässt dabei durchaus hollywoodeske Klangsteigerungen zu. Die «Heiligung» umflimmert eine Aura aus Celesta- und Beckenklängen. Dieser mystisch angegangene zweite Satz mündet in ein pathetisches Halleluja, in den Triumph des Gotteslobes: wirkungsvolle Crescendo-Musik.
Dem Chor kommen in «Avodath Hakodesh» dankbare Aufgaben zu. Mächtige Melodik, einmütige Homophonie und grosse Linien, klangvoll in das nicht einfach zu singende Hebräisch umgesetzt, prägten den Eindruck, den man aus dem Konzert im Stadtcasino mitnahm. Mit dem jungen Robert Koller stand ein mit grossem Ausdruckswillen und dem dazu nätigen Selbstbewusstsein gesegneter Bassbariton zur Verfügung. Sassen die Noten auch nicht alle auf ihrem intonatorisch angestammten Platz, so ergaben sie dennoch eine deutliche Klangrede. Konzentrationseinbussen des Ensembles waren im letzten Satz zu verzeichnen, worin Bloch unvermutet einen komplexeren Ton anschlägt.
nüchtern.
Dem 50-minütigen Werk schickte Krause, mäglicherweise in musikalisch-äkumenischer Absicht, Johann Sebastian Bachs «Kreuzstabkantate» voraus. Kollers Qualitäten, auch die zu einer gewissen Strahlkraft der Stimme, kamen hier gleichfalls zur Geltung. Die «basel sinfonietta», bei Ernest Bloch zum romantisch-sinfonischen Sound ermutigt, trat hier kammermusikalisch besetzt auf. Auffällig die protestantische Nüchternheit, die Ökonomie der Mittel. Und effektvoller, als sich der Komponist wohl je gedacht hätte, der Schlusschor: Das fordernde «Komm, o Tod, du Schlafes Bruder», einziger «Auftritt» des Chors in dieser Kantate, geriet zur, aufführungspraktisch zwar nicht ganz zu rechtfertigenden, aber gleichwohl beeindruckenden Klangexplosion.
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Konzert vom 9./20. November 2004:
jüngst und einst/Requiem (P.Suits/W.A.Mozart) |
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Auszug aus:
Es muss nicht immer Bach sein
Wochenende der Laienchöre: Konzerte von Bachchor, Liedertafel, Motettenchor
von Sigfried Schibli
©Basler Zeitung,22.11.2004
Chormitglieder singen sie und das Publikum hört sie am liebsten, die grossen Chorwerke von Händels «Messias» und Bachs h-Moll-Messe bis zu Verdis «Requiem». Doch ihre Zahl ist begrenzt, und die Fixierung auf die immer gleichen Werke führt leicht zu einer Erstarrung, an der kein verantwortungsbewusster Chorleiter Interesse haben kann. Joachim Krause vom Basler Bach-Chor hat einen Ausweg aus diesem Dilemma gefunden. Er gewährte seinem Vokalkörper die Gunst von Mozarts Requiem und nötigte ihm im gleichen Konzert eine Uraufführung ab. Und sorgte so für ein spannendes, qualitativ hochstehendes Konzert vor vollen Martinskirchen-Reihen.
Der Chorliederzyklus «Jüngst und einst» von Paul Suits war eine schöne Überraschung. Eine Überraschung, weil man so moderate Töne, so ausbalancierte Gewichte zwischen Soli, Chor und Orchester von einem noch nicht fünfzigjährigen Komponisten nicht erwartet. Schön, weil sich Suits als meisterlicher Orchestrator und origineller Klangerfinder erwies - und weil die Aufführung keinerlei laientypische Unsicherheiten zeigte. So originell wie die Textwahl der sieben Stücke ist ihre Vertonung: leichtfüssig und tänzerisch im Rhythmischen, stark bläserbetont in der Begleitung durch das Kammerorchester Basel, gekonnt in der Verwebung von Soli und Chor. Eine wunderbare Entdeckung, dieser fast vierzigminütige Zyklus, dem in keiner Weise der Makel der laienhaften Beschränkung anhaftet.
Mozarts Totenmesse danach erfuhr eine rhythmisch agile, in der Artikulation sehr pointierte Aufführung, die überdies über eine solide Orchesterbegleitung und ein vorzüglich harmonierendes Solistenquartett verfügte (Isolde Siebert, Martina Borst, Valentin Johannes Gloor, Marcus Niedermeyer). Da fand auch das schallplattenverwöhnte Ohr manchen musikalischen Höhe- und Haltepunkt wie etwa das rassige «Rex tremendae».
...
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Konzert vom 5. Juni 2004:
Le Roi David (A.Honegger) |
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Schafhirt wird König
von Benjamin Herzog
©Basler Zeitung,07.06.2004
Seit ihren Anfängen interessiert sich die westliche Musikwelt für die biblische Figur Davids. Der Harfe spielende König galt im Mittelalter als Vermittler zwischen der Musik des Himmels und derjenigen der Erde und somit als «Erfinder» der Musik. Den Konflikt mit seinem Auftraggeber und späteren Gegenspieler, dem depressiven König Saul, inszenierte Händel im Oratorium «Saul». Arthur Honegger rückte 1921 in «Le Roi David» wieder das Leben Davids ins Zentrum, seine politische Karriere bis an die Spitze des Staates Israel. Ursprünglich hatte der junge Komponist das Werk als Bühnenmusik geschrieben für das Sommertheater des Waadtländer Dichters René Morax. Später erstellte Honegger eine Fassung für den Konzertsaal.
Die Aufführung durch den Basler Bach-Chor und das Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Joachim Krause im Stadtcasino zeigte viel von der ursprünglichen illustrativen Qualität dieses Oratoriums: die exotische Stimmung, in der Honegger den Hirten David vorstellt, den polternden Auftritt des Riesen Goliath, eine ekstatische Geisterbeschwörung, Schlachten und Siegestaumel. Die kurzen Sätze waren in ihren charakteristischen Eigenschaften klar ausgeprägt. Der grosse Chor erwies sich als überaus deutlicher und vielfältiger Illustrator des Geschehens in dieser schnell wechselnden Folge von Tableaus. Auch das Orchester bediente die bunte Vielfalt des nur fünf viertel Stunden dauernden Werks mit hörbarem Einsatz. So geriet der «Tanz vor der Bundeslade», worin Israel seine politisch-religiöse Allianz mit Gott feiert, zum so ausdrucksintensiven wie lauten Höhepunkt des Abends.
Honegger zeigt in «Le Roi David» aber auch die innere Seite seiner Titelfigur. Dabei teilten sich die Sopranistin Isolde Siebert, die Altistin Barbara Neurohr und der Tenor Stefan-Alexander Rankl die Aufgabe, die immer wieder hervorbrechenden Zweifel des von Erfolg und Bestrafung gleichermassen Heimgesuchten zu schildern. Besonders schön geriet das Duett der Frauenstimmen in den «Lamentations de Guilboa». Rankl grundierte dunkel, aber nicht ganz intonationssicher das Gebet des wegen seiner Sünde von Gott bestraften David in «Je lève mes regards».
Ein weitaus grösserer Anteil an solistischen Aufgaben aber kam dem Erzähler Eörs Kisfaludy zu. Ohne Scheu vor Ausbrüchen dramatischer, ja pathetischer Art zeigte Kisfaludy am deutlichsten, wie gerne sich die Kunstwelt vor achtzig Jahren und die Ausführenden heute noch beeindrucken liessen von dem brillanten und positiv geschilderten Aufstieg eines Schafhirten zum König.
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Konzerte vom 19./20. Dezember 2003:
Weihnachtsoratorium (J.S.Bach) |
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Himmelsschlüssel
von Martina Wohlthat
©Basler Zeitung,22.12.2003
Als die Solisten nach zwei Stunden mit harmonischem Gesang («Was will der Höllen Schrecken nun, da wir in Jesu Händen ruhn») zum Schlusschor überleiteten, war es, als wenn die Himmelstür einen Spalt breit aufging. Strahlendes Dur, Pauken, ein vielstimmiger Chor und eine jubilierende erste Trompete, die virtuos einen Salto nach dem anderen schlug. Dirigent Joachim Krause rückte den letzten Chor mit allem Nachdruck in ein helles, festliches Licht und führte damit die Aufführung von J. S. Bachs Weihnachtsoratorium zum freudigen Abschluss.
Mit seiner Musik als Himmelsschlüssel öffnet uns Bach ein musikalisches Reich, das seit jeher mit Begriffen wie Anmut, Zuversicht und Freude verbunden ist. Eben darum erfreut sich Bachs Weihnachtsoratorium bis heute unvermindert grosser Beliebtheit. Und so fanden sich auch am Freitag und Samstag zahlreiche Zuhörer zu den Aufführungen des Basler Bach-Chors in der Martinskirche ein.
«Friede auf Erden»
Die Geschichte von der Geburt Christi wurde hier in innigem, schlichtem Ton besungen. Das Kind in der Krippe, die behütende Liebe der Mutter, aber auch die hoffnungsvolle Botschaft des «Friede auf Erden» wurden in der Musik gegenwärtig. Es zeichnete die stimmige Interpretation des Basler Bach-Chors und seines Dirigenten Joachim Krause aus, dass sie sich der Weihnachtsgeschichte auf schlichte Weise ohne religiöse Überhöhung und Mystifizierung näherten.
In den aufgeführten vier von insgesamt sechs Kantaten des Weihnachtsoratoriums entstanden musikalische Szenen von poetischer Bildkraft. Dirigent Joachim Krause legte viel Wert auf die abwechslungsreiche Gestaltung von Rezitativ und Arie, Chor und Choral. Der Bach-Chor folgte ihm mit präzise gesetzten Tönen in einem voluminösen, zugleich fein durchgestalteten und in den raschen Passagen erfreulich beweglichen Chorklang. Mit geradezu stürmischem Flügelschlag rauschten die himmlischen Heerscharen im Zweiten Teil zum Lobgesang «Ehre sei Gott in der Höhe» heran: Über den kraftvollen Figurationen der Chorbässe erscholl das Gotteslob aus allen Kehlen. Unmittelbar darauf erhielt die Friedenssehnsucht der Menschen zu den Worten «und Friede auf Erden» eine eindringliche kollektive Stimme. Als fulminante Bekräftigung folgten in kanonischer Strenge mit jubelnden Koloraturen die Schlussworte «und den Menschen ein Wohlgefallen». Dieser grossartige Chor war der zentrale Höhepunkt der Aufführung.
«...erhöre das Lallen»
Im Eingangschor des Dritten Teils («Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen») war das angeschlagene Tempo etwas zu rasch, was die Einsätze leicht überstürzt wirken liess. Insgesamt überzeugten die fliessenden Übergänge zwischen der Erzählung des Evangelisten (Sebastian Hübner) und dem Chor.
In der Altarie «Schlafe, mein Liebster» schlug die Stunde der Altistin Christa Ratzenböck, die ihren Part während des ganzen Abends mit Wärme und Leuchtkraft erfüllte. Der junge Bass Markus Lemke meisterte die Arie «Grosser Herr, o starker König» weniger durch seine Stimmgewalt als durch Energie und kraftvolle Synkopen. Die Sopranistin Sabina Martin dürfte in der Höhe ruhig noch an Selbstvertrauen gewinnen. Ihre Arie mit den hervorragenden Oboen und Streichern des Barockorchesters Capriccio Basel hatte tänzerischen Schwung. Da schwang etwas von der Freude mit, die der Mensch auf Erden haben könnte, aber leider allzu selten findet.
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Konzerte vom 11./12. April 2003:
Johannespassion (J.S. Bach) |
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Die rohen Sitten einer viele Jahre alten Zivilisation
von Benjamin Herzog
©Basler Zeitung,14.4.2003
Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion mit dem Basler Bach-Chor in der Martinskirche
Ist Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion schöne Musik oder
eine musikalische Predigt? Diese Frage ist natürlich unsinnig, denn
wer wollte schon behaupten, sinnlich erfahrbare Schönheit schliesse
eine inhaltliche Aussage aus? Gerade bei Bach! Und doch tendieren
Aufführungen dieses Werks (und mehr noch der Matthäus-Passion) oft
noch zur angenehmen Darstellung klanglicher Reize.
Das mag frei- oder unfreiwillig geschehen. Ein Grund liegt
sicherlich darin, dass die barocke Rhetorik und Affektenlehre und
somit die vom Komponisten gemeinte Bedeutung der Musik Hörern und
Musikern des einundzwanzigsten Jahrhunderts schwerer zugänglich sind
als Bachs Zeitgenossen.
Die Aufführung der Johannes-Passion, wie
sie am letzten Freitag und Samstag (hier besprochen) unter der
Leitung von Joachim Krause in der Martinskirche stattfand, gewichtet
den inhaltlichen Aspekt, das Nacherzählen der Leidensgeschichte, ist
nachgerade eine Predigt und somit näher am ursprünglichen
musikgeschichtlichen Begriff der Passion, worunter man seit dem 14.
Jahrhundert einen von so genannten Lektoren gesungenen
Evangelienbericht versteht. Die Entscheidung für eine «gesprochene»
Johannes-Passion liegt insofern nahe, als der Anteil der Rezitative
überwiegt. Werden diese als blosse Brücken zwischen den Arien und
Chorälen verstanden, wird die Passion zur Marter.
Dramatisches Erleben
Mit Martin Petzold stand den Hörern ein Evangelist gegenüber, der
die Erzählung des Altbekannten zum dramatischen Miterleben
auffrischte. Annähernd realistisch werden hier Ohren abgehauen, wird
gespottet, gekräht und geweint. Wir sehen uns den rohen Sitten einer
zweitausend Jahre alten Zivilisation gegenüber und zugleich einem
überzeitlichen Drama. Petzold bleibt indes nicht bei der blossen
Wortverdeutlichung. In den Rezitativen wie auch in den Arien wendet
der deutsche Tenor mit abgebrochenem Theologiestudium nebst
intelligenter Textgestaltung musikalische Mittel an, die auch unser
Herz bewegen, lässt das Rezitieren ins Singen überfliessen und
füttert umgekehrt das Ariose mit deklamatorischer Kraft. Das dürfte
dem Konzept dieser Johannes-Passion entsprechen. Das
Barockorchester Capriccio Basel und der gross besetzte Basler
Bach-Chor – sie trafen beide unter Krauses Leitung den beschwingten,
plastischen Erzählton, der heute, wenn man das sagen darf, zur
Erweckung einer Passionserzählung nötig ist, handelt es sich dabei
doch um eine ungeheuerliche Geschichte, deren kulturgeschichtlich
bedingter Erosionsprozess nur mit verstärktem Aufwand zu stoppen
ist.
Differenzierte Choräle
Aussergewöhnlich die Dramatisierung der Choräle («O grosse
Lieb»), hervorgehoben die Gegensätze («Himmel reisse»), stark die
Perspektivenwechsel von Erzählung, choraler Weisheit und Ermahnung
sowie emotionaler Kontemplation in den Arien. Die Solisten hat man
allerdings nicht nach den für dieses Konzept besten Kriterien
ausgewählt. Gesa Hoppe und Imke Reinacher (warum ein Mezzo?)
erweckten mit ihren Arien etwa das gleiche Interesse, das man einem
Werbeprospekt entgegenbringen würde. Dem Bassisten Sebastian Goll
wünschte man ein paar Erfahrungsjahre mehr auf den jungen
Sängerrücken. Einzig René Koch als felsenfester, recht entrückter
Jesus konnte mit der gefährlich starken Konkurrenz in dieser
Solistenkonstellation mithalten.
Nicht die anderen Ästhetiken
verpflichteten Solisten, sondern der grosse Bach-Chor wäre
eigentlich der hinderlichste Teil dieser auf die Beweglichkeit der
Erzählung abzielenden Passions-Aufführung. Doch hat der Chor eine
erstaunliche Leichtigkeit entwickelt, «klassische» Tempo- und
Intonationsprobleme gibt es wenige. Die Zahlenmacht der Singenden
ist nicht kontraproduktiv, sondern ermutigend: Sie stützt den
kollektiven Geist dieser musikalischen Predigt.
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Passions-Dramatik
von Thomas Waldmann
©Basler Zeitung/Dreiland Zeitung,10.4.2003
Im vorösterlichen Konzert-Geschehen scheint es bezüglich
Bach «Matthäus-» und «Johannes-Jahre» zu geben.
Oft erklingt landauf, landab die vierstündige, doppelchörige
Matthäus-Passion, heuer findet sich ihr kürzeres, insgesamt weniger
aufwändiges, aber nicht minder beeindruckendes Schwesterwerk in vielen
Chorprogrammen.
Nun ist die Reihe also am Basler Bach-Chor, der mit dem Barockorchester
Capriccio Basel unter der Leitung von Joachim Krause die Johannes-Passion
aufführt. Interessant dabei: Es erklingt nicht die heute geläufigere
Fassung von 1749, sondern die sich durch schlankere Instrumentierung und
die Dramatik steigernde Arien von jener unterscheidende Fassung des Jahres
1725.
Attraktiv ist die Mitwirkung des Tenors Martin Petzold, einst Mitglied
des Thomanerchors in Leipzig. Der als Opern- und Oratoriensänger von
Europa bis Südamerika beschäftigte Sänger gilt heute als
einer der führenden Interpreten der Evangelisten-Partien. Basel kennt
ihn aus Barockoper-Inszenierungen Herbert Wernickes am Theater Basel. Die
anderen Soli übernehmen Gesa Hoppe (Sopran), Imke Reinacher (Alt),
Sebastian Goll (Bass) und René Koch (Bass, Christus).
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Konzerte vom 26./27. Oktober 2002:
Requiem (A. Dvorak) |
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Ein klanglich fein abgestuftes Wechselspiel
von David Wohnlich
©Basler Zeitung,29.10.2002
Der Basler Bach-Chor und der Gemischte Chor Zürich wurden am Anfang
des 20., beziehungsweise am Ende des 19. Jahrhunderts gegründet –
in einer Zeit, da es fast weltweit der Brauch war, grosse Chorgemeinschaften zu bilden, die klanglich
dem sinfonischen Ideal des ausgehenden 19. Jahrhunderts entsprachen.
Es entstand eine fruchtbare Wechselwirkung zwischen den Komponisten,
die Werke für grosse Chor- und Orchesterbesetzungen geschrieben hatten,
und den Chören, die nun ihrerseits den Bedarf für weitere derartige Kompositionen
erzeugten.
Dvoráks «Requiem» ist eines dieser Werke. 1890 entstanden,
rechnet es mit hochstehender Chor- und Orchesterqualität und bietet
durchgängig viel Futter für ambitionierte
Chöre. Joachim Krause vereinigte zur Aufführung des «Requiem»
den Gemischten Chor Zürich und den Basler Bach-Chor, verpflichtete
vier überzeugende Solisten und die
basel sinfonietta und brachte es am Samstag in der Tonhalle Zürich,
am Sonntag im Musiksaal des Stadtcasinos Basel auf die Bühne.
Der – einmal mehr zu kleine – Bühnenraum des Musiksaals schien
aus den Nähten platzen zu wollen, als die schier unübersehbare
Menge der Chorsängerinnen und
-sänger sich aufstellte – zurückgedrängt zusätzlich
durch die ausladende romantische Orchesterbesetzung. Dirigenten und Kritiker
fürchten gleichermassen derartige
musikalische Ozeandampfer – die Gefahr, dass sie sich, fahren sie erst
einmal, nur noch träge und schwer manövrieren lassen, droht sehr
anschaulich.
Nuancierter Bilderbogen
Doch die Befürchtungen zerstreuen sich sehr bald. Bereits im Introitus,
dem «Requiem», fallen Transparenz und Differenziertheit der
Gestaltung auf. Sensibel reagieren
Dirigent und Orchester auf die farbig abgestuften Dichtegrade der Musik,
die Soli bleiben auch im nachfolgenden «Kyrie» stets durchhörbar;
die Gefahr, dass der grosse
Apparat die feineren Linien verwischt, entsteht zu keiner Zeit. Das
klanglich fein abgestufte Wechselspiel zwischen Chor und Soli gerät
zum dichten, tragfähigen Gewebe.
Einzig in der Reprise des «Tuba mirum» zeigen sich kleine
Koordinationsprobleme, die jedoch rasch aufgefangen werden.
In der Folge gerät das farbenreiche Werk – geradezu ein Prospekt
der klanglichen Möglichkeiten der unerschöpflichen Besetzung
– zu einem zwar nie vordergründig
kontrastierenden, jedoch stets den Nuancen der Komposition verpflichteten
Bilderbogen: Von den zarten, zuweilen fast flehend hingehauchten Tönen
des «Confutatis» über
das komplex verwobene «Domine Jesu» im Offertorium mit
seiner hier sehr lebhaft und präzise ausgeführten Chorfuge bis
hin zum breit angelegten Agnus Dei und dem
fülligen, aber nie fetten Schlusschor «Communio: Lux aeterna»
überzeugen die Ausführenden mit einer streng dem Notentext verpflichteten
musikalischen Disziplin, die nie
der Verführung nachgibt, auszuufern oder Tempi breit zu schlagen.
Hörbare Intonationsprobleme im heiklen Männerchor des «Hostias»
trüben den Gesamteindruck nur
wenig; die Herausforderung, das anspruchsvolle Werk an zwei Tagen nacheinander
aufzuführen, forderte hier ihren Tribut.
Präzise Klangsprache
Auch mit der Auswahl der Solisten verriet Dirigent Joachim Krause eine
glückliche Hand: Die Sopranistin Turid Karlsen überzeugte mit
lichten Höhen und massvoll
eingesetztem dramatischen Impetus; die Altistin Stefania Kaluza verursachte
besonders mit ihrem Einsatz des «Tuba Mirum» Gänse-haut;
der völlig marottenfreie,
hochmusikalische Tenor Claude Pia fügte sich nahtlos in den Gesamtklang
ein und der Bass Pavel Daniluk, der es sich angesichts seines «Materials»
ohnehin leisten
kann, sich zurückzuhalten, setzt zur Durchhörbarkeit seiner
Kantilenen seine schönen Resonanzen ein und prunkt nicht mit Volumen.
Die basel sinfonietta folgte der knappen, genauen Zeichengebung des
Dirigenten flexibel; die inzwischen beachtliche Erfahrung, die sich das
Orchester bei den bekanntlich
nicht an erster Stelle der Wunschliste stehenden Begleitaufgaben erworben
hat, wirkte sich hier ausgesprochen positiv aus.
So gelang es Joachim Krause, das umfangreiche Werk, dessen einzelne
Teile durchaus zu romantisierendem Schwelgen (statt zur angemessenen romantisch
präzisen
Klangsprache) verführen, in weit gespanntem, konsistentem Bogen
über die fast zwei Stunden seiner Dauer zu führen – ein bewegendes
Erlebnis für Ausführende und
Publikum. |
Konzerte vom 22./23. März 2002:
Magnificat/Die sieben letzten Worte (J.S.Bach/J.Haydn) |
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Besinnlicher Einstieg
von David Wohnlich
©Basler Zeitung/Dreiland Zeitung,25.03.2002
Joseph Haydns breit angelegter Sonatenzyklus «Die sieben letzten Worte
unseres Erlösers am Kreuze» in der Chor- und Orchesterfassung, eingeleitet
durch Johann Sebastian Bachs Kantate «Himmelskönig, sei willkommen» - kann
es einen schöneren und besinnlicheren Einstieg in die Karwoche geben, noch
dazu, wenn die Werke vom Basler Bach-Chor und vom inzwischen hervorragend
auf diesen eingespielten Kammerorchester Capriccio vorgetragen werden?
In der Martinskirche vermochte am Freitagabend bereits die «sinfonia» zu
Beginn der Kantate mit ihren wunderbar konzertierenden Blockflöten- und
Violinlinien, die in unvergleichlicher Weise die Sehnsucht nach dem Heiland
ausdrücken, österliche Stimmung voller Feierlichkeit, jedoch ohne jedes
Pathos herbei zu zaubern.
Demut, Empörung
Im Willkommensgruss des Anfangschores entwickelt sich der «swingende» Bach,
der Chorklang bleibt kultiviert und kammermusikalisch, Chor und Orchester
verschmelzen ineinander - eine Ohrenweide! Markus Volpert sang die
nachfolgende Bass-Arie «Starkes Lieben» voll unprätentiöser Innigkeit. Die
(eingesprungene) Altistin Martina Borst musizierte die Arie «Leget euch dem
Heiland unter» im Duett mit der bereits in der «sinfonia» aufgefallenen
Blöckflöte in vollem, dennoch stets transparenten Timbre; in den
abschliessenden Chören waren sattelfestes Koloraturenwerk und lupenreine
Intonation zu bewundern.
In «Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze» fanden Chor und
Orchester die Herausforderung, die ihnen entspricht. Jedes der Worte ist
ein Kunstwerk für sich, gespickt mit opernhafter Dramatik und allen
religiösen Empfindungen, angefangen bei österlicher Demut, dramatich
gesteigert bis hin zur Empörung über die Kreuzigung. Dieses grossartige
Werk stellt für einen Laienchor ein Wagnis dar - der Bach-Chor meisterte es
mit scheinbarer Leichtigkeit. Dirigent Joachim Krause gelang es, seine
Sängerinnen und Sänger, Musikerinnen und Musiker auf einen langen,
anrührenden Spannungsbogen zu führen, dessen Intensität niemals nachliess.
Die musikalische Energie des Maestros scheint so unerschöpflich zu sein wie
diejenige des Chores - jede Nuance des farbenreichen Werkes wurde
ausgeleuchtet, ohne jemals in manieristische Detailverliebtheit auszuufern.
Chor und Soli - neben den bereits erwähnten Solisten die Sopranistin
Bernadette Sialm mit klangschönem, herrlich schlank geführtem Sopran und
Felix Rienth mit klarem und klassisch-instrumentalem Tenor - steigern die
Dramatik bis hin zum alles erschütternden Erdbeben, das in seinem
aufrührenden Impetus fast wie gute Rockmusik in die Glieder fährt.
Sitzen, Empfinden
Wie soll ich die Kritiker-Regel beherzigen können, zur kritischen Würdigung
gehöre auch die Auseinandersetzung mit den negativen Aspekten, wenn solche
einfach nicht aufzufinden sind? Ach ja - die Bänke in der Martinskirche
sind ein bisschen hart. Aber selbst daran wurde gedacht - man konnte
Sitzkissen mieten oder kaufen. Denn strapaziert werden sollte in diesem
Konzert nicht das Sitzleder des Publikums, sondern dessen musikalisches
Empfinden. Und nicht zuletzt seine Bereitschaft, die vorösterliche
Botschaft ins Herz dringen zu lassen, die in diesem Konzert so gut zum
diesjährigen Leitsatz des Fastenopfers passte: «Viele Stimmen - eine Welt.»
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Konzerte vom 9./10. November 2001:
Messe in f-Moll (A.Bruckner) |
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Heilende Harmonie
von Peter O. Rentsch
©Basler Zeitung/Dreiland Zeitung,12.11.2001
Weich, getragen von ungeheurer Traurigkeit, hebt das «Kyrie» der Messe Nr.
3 in f-Moll, genannt die Grosse, von Anton Bruckner orchestral an, driftet
dann aber nicht weiter in die depressive Stimmung ab, sondern der Chor
fleht mit ganzer Kraft um Erbarmen. Ähnlich mag der Komponist empfunden
haben, als er sich mit Beginn der Arbeit an diesem Werk aus einer
persönlichen Krise herauszuarbeiten suchte. Er habe sich damit nach seinen
Worten «aus dem Sumpf des geistigen Niedergangs befreit». Tatsächlich
erhellt sich das Gemüt bereits in diesem Introitus zusehends, wenn Sopran
und Bass in den Hilferuf einstimmen. In Tat und Wahrheit sind es Schreie -
Schreie der Not.
Dass aber nicht alle Lebensgeister verloren sind, im Gegenteil, in
wuchtigem Zusammenklang als heilende Harmonie neu erwachen, schälte am
Freitag Dirigent Joachim Krause im «Gloria» von symphonischer Fülle
zusammen mit dem Basler Bach-Chor, den Gesangssolisten und «basel
sinfonietta» in der Martinskirche gekonnt heraus: Er war sich seiner Sache
und der vollen Unterstützung seiner Partner sicher. Mit Heidrun Kordes
(Sopran), Barbara Kandler (Alt), Bernhard Gärtner (Tenor) und René Koch
(Bass) hatte er auch eine gute Wahl getroffen: Die Solostimmen verbreiteten
beinahe opernhaften Glanz.
Dieselbe Könnerschaft stellten die Darbietenden auch bei den Motetten
«Christus factus est» und «Virga Jesse» mit Leichtigkeit unter Beweis - der
Chor besonders bei A-cappella-Stellen, wo auch bei genauem Hinhören kaum
eine Schwäche auszumachen war, höchstens kleine Durchsichtigkeiten bei den
hohen und ganz tiefen Männerstimmen. Die Zwiesprache der Gesangssolisten
mit dem Orchester geriet durchwegs auf sehr hohem Niveau: Es klang manchmal
schon fast wie ein Schubert-Lied. Vorwärts drängend entzündete sich
insgesamt ein Glaubensfeuerwerk - mit einer Bandbreite von elegischer
Zartheit bis hin zu emotionalem Überschwang -, wie es Bruckner'scher
Intention und seiner Zeit zweifellos entspricht. Erst gegen Konzertende
verringerte sich allmählich die Kraft, was sich in rhythmischen
Unstimmigkeiten äusserte.
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Konzerte vom 6./7. April 2001:
Markuspassion (J.S.Bach/M.Heep - Uraufführung) |
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Kühner Blick auf Bach
von Jürg Erni
©Basler Zeitung/Dreiland Zeitung,5.4.2001
Bachs Passionen nach dem Evangelisten Matthäus und Johannes
sind die Felsen, auf denen die Kunstmusik der Karwoche baut. Leider ist die
Musik zur «Markus-Passion» verschollen, die Bach sicher am
Karfreitag 1731 aufgeführt hat - nicht als originäre Passion:
Bach hatte im «Parodieverfahren» die Musik wir im Weihnachts-Oratorium
von früheren Kantaten übernommen und ihr neuen Text unterlegt. Die
Musik etstammte vornehmlich aus der Trauer-Ode auf den Tod der sächsischen
Kurfürstin Christiane Eberhardine, die im Gegensatz zu ihrem Gatten
August dem Starken nicht zum Katholizismus übertrat. Rekonstruierbar
sind von der «Markus-Passion» Eingangs und Schlusschor
sowie je eine Sopran- und Tenor- und zwei Alt-Arien, mit dem Text des
Oberpostsekretärs und Steuerbeamten Henrici (Picander).
Wie den Torso heute aufführen? Es gab diverse Versuche von
Neufassungen im alten Stil mit unterschiedlichem Gelingen. Nun
beschreitet der vor neunzig Jahren vom Münsterorganist Adolf
Hamm gegründete Basler Bach-Chor unter seinem initiativen
Leiter Joachim Krause einen kühnen Weg, indem er eine
Neufassung des 35-jährigen deutschen Komponisten Matthias
Heep zur Uraufführung bringt. Nach Studien an der Universität
Heidelberg und bei Detlev Müller-Siemens an der Musikhochschule
Basel unterrichtet Heep derzeit Musiktheorie an der Basler Jazzschule.
Die «Markus-Passion» von Bach/Heep besteht aus
sechs Bach'schen Nummern und acht neukomponierten Sätzen
samt Orchesternachspiel. Dabei verfolgt Heep die Tradition der
früheren motettischen Passion, in der Christus, die Protagonisten
und das Volk wechselweise von allen gesungen werden.
Hingegen erweitert Heep das Orchester um Saxophone, Blechbläser
und Perkussion und übersetzt die Symbolkraft von Bildern und Zahlen
anschaulich in Klänge, deren Stil, wie er selber bekennt, am ehesten in
Richtung von Messiaen weist. So werden Jesu unzimperliche Worte im
Tempel an die Wechsler und Taubenverkäufer und die
heuchlerischen Pharisäer, die den Zehnten von Minze und Dill und
Kümmel geben - aber keine Gerechtigkeit, Erbarmen und Treue -,
entsprechend klangmalerisch kraftvoll vertont. Der Choral der
Trinität weist auf Pfingsten. Jesu Sieben Worte
«Mein Gott, warum hast du mich verlassen?»
werden vom Chor hebräisch gesungen. Die zwölf Silben
«Nehmt, das ist mein Leib...» sind im Sinne der Bach'schen
Zahlensymbilik auf vier Mal drei Akkorde verteilt. So schieben sich
konkrete Klangballungen von heute zwischen Bach'sche Chor- und
Arientöne hochbarocker Verzückung. Das rasche
Wechselspiel von Alt und Neu wird kaum ungerührt lassen. |
Ungeahnte Leuchtkraft von Dorothee Philipp ©Basler Zeitung,9.4.2001
Architekten oder auch Juweliere kennen das Problem aus der täglichen Praxis:
Vorhandenes von unschätzbarem Wert, aber unvollständig erhalten, soll
neu gefasst werden, und zwar so, dass das Alte zur Geltung kommt und das Neue seine
Eigenart behalten kann. Die Fundstücke aus der Vergangenheit, mit denen sich der
Basler Komponist Matthias Heep auseinandergesetzt hat, waren nichts Geringeres als die
Fragmente der Markus-Passion Bachs, 1731, zwei Jahre nach der Matthäus-Passion
erstmals aufgeführt.
Gelungenes Wagnis
So spannend wie die Rekonstruktion des in keiner einzigen Urschrift erhaltenen Werkes
durch Generationen von Musikwissenschaftlern ist aber auch das Unternehmen seiner
Einbettung in die Tonsprache des 21. Jahrhunderts, die der Basler Bachchor im 90. Jahr
seines Bestehens unter der Leitung von Joachim Krause am letzten Freitag in der Basler
Martinskirche uraufführte. Das Wagnis, sich auf gleicher Augenhöhe mit Bach
einzulassen, ist gelungen. Auch dank der fabelhaften Disposition des Bachchors und des
Basler Kammerorchesters, die offenbar mühelos den hohen technischen
Ansprüchen Heeps gewachsen waren.
Verdichtete Symbolik
Selbstbewusst stellt Heep vor den Eingangschor «Geh Jesu, geh zu deiner Pein»
ein «Hosanna», das mit schneidenden Dissonanzen die Wankelmütigkeit der
Menge darstellt, die wenig später fanatisch das «Kreuzige» verlangen wird.
Heep hält sich strikt an die überlieferten Bibeltexte, fasst sich kurz und legt den
ganzen Ausdruck in eine stark verdichtete Symbolik, die das Passionsgeschehen als eine
Art Kreuzweg darstellt, und in eine teilweise fast überstarke Farbigkeit der Klänge:
Ein mit Gongs, Marimbaphon und Glockenstäben gut bestücktes Schlagwerk setzt
exotische Akzente. Die Streicher überschreiten die Grenzen klassischer Techniken mit
Flageoletts und auf die Instrumente klackenden Bogen, der Chor fällt teilweise in erregten
Sprechgesang (Szene der Anklage, «Kreuzige»). Heeps Dramaturgie ist
schlüssig, die Solisten werden nach dem Vorbild der älteren motettischen Passionen
in ein vielschichtiges Klanggeschehen eingebunden und treten nur in den Arien solistisch hervor.
Hier überzeugten vor allem die Altistin Sabine Czinczel mit einem vollen, warmen, in allen
Registern tragfähigen Timbre und der Bariton Stephan Loges, der klar und kompetent die
Christus-Passagen vortrug.
Spannende Synthese
Ein Geniestreich war der Schluss der Passion, bei dem Heep aus dem h-Moll-Schlussakkord
des Bachchors «Bei deinem Grab und Leichenstein» den Grundton einzeln
herauszwirbelte und in ein knappes, verhaltenes Orchesternachspiel überführte,
das in ein einziges Wort mündete: «Rabbuni»! (Solo-Alt). Die Osterbotschaft
auf knappstem Raum in ihrer Zartheit in ein fast mystisches Licht getaucht.
Reflektiert durch die Umgebung der zeitgenössisch durchkomponierten Passionsgeschichte nach dem Text
der Bibel erschien die Bach'sche Musik in einem neuen, anspruchsvollen Blickwinkel und
entwickelte in dieser Nachbarschaft eine ungeahnte Leuchtkraft. Auch die Zuhörerschaft
war hier gefordert, ging aber nach anfänglichen Irritationen bereitwillig mit und wurde mit
einer spannenden Synthese aus Alt und Neu belohnt.
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Die Passion als Wagnis
von Paul Schorno
©Basellandschaftliche Zeitung,9.4.2001
Zusammenführung / Der Basler Bach-Chor führte
in der Martinskirche Zeitgenössisches mit der «Markus-Passion»
zusammen.
Basel. Was kann getan werden, wenn wir hier ein Werk eines so
berühmten Komponisten wie Johann Sebastian Bach zu einem grossen
Teil verschollen ist? In ähnlichen Fällen wurde versucht, das Opus
im musikalischen Stil der damaligen Zeit neu zu fassen und nach bestem
Können und Wissen wiederherzustellen.
Aber was spricht dagegen, einen derartigen Torso mit Klangwelten von heute
zusammenzubringen, zu erkunden, was da für Reibungen, Kollisionen und
Überraschungen entstehen können?
Wenn es dabei um die Gefangennahme, Verurteilung, Kreuzigung und den
Tod Christi geht, darf sich die Frage erst recht aufdrängen, wie diese
Geschichte in einer zeitgenössischen musikalischen und textlichen
Sprache für die Menschen von heute erlebbar gestaltet werden kann.
Das Ergebnis eines derartigen Wagnisses präsentierte der Basler
Bach-Chor unter der Leitung von Joachim Krause am Freitagabend (und
nochmals am Samstag) in der Martinskirche.
Diverse Teile konnten Rekonstruiert werden
Von Bachs nur zum Teil erhaltenen «Markus-Passion» konnten
von der Fachwelt rekonstruiert werden der Eingangs- und Schlusschor, je
eine Sopran- und Tenor- sowie zwei Alt-Arien. Der Text stammt von
Friedrich Henrici (Picander).
Das kühne Unterfangen bestand nun darin, dass der 35 Jahre alte
und an der Musikhochschule als Lehrer tätige Komponist Matthias
Heep das Bachsche Vokalwerk ziemlich kompromisslos mit Klangvorstellungen
der Moderne im Sinne einer Konfrontation ergänzte.
Da auch der Text, anders als bei den meisten Passionen üblich, so
verändert und erweitert wurde, dass Christus, das Volk und die diversen
Gestalten abwechslungsweise von allen gesungen wurden, erreichte die
Aufführung phasenweise eine dramatische Note, die einem Bühnendrama
ähnlich sah.
Ansererseits bestanden nie Zweifel darüber, welche Teile der Passion von
Bach stammten. Damit wurden deutlich die Voraussetzungen geschaffen, dem
Publikum eine Reaktion abzuringen, wie es mit der Attacke auf seine
Hörgewohnheiten reagierte.
Erst Zögern, dann herzlicher Applaus
Vorerst ein kurzes Zögern am Ende der anderthalbstündigen
Aufführung, dann Applaus, der allmählich kräftiger wurde.
Ein paar Dutzend Besucherinnen und Besucher blieben reglos,
vieleicht irritiert oder unentschlossen sitzen. Herzlicher Applaus schliesslich
für den anwesenden Komponisten, für Matthias Heep.
Das Kammerorchester Basel musizierte zielstrebig und energisch; es gab
viele Einsätze für die Akteure am Schlagwerk und die
Blechinstrumentalisten. Der Basler Bach-Chor stellte sich den
Anforderungen gut gerüstet und erwarb sich beachtliche Noten.
Bei den Solisten entfaltete sich am reichsten die Altistin Sabine Czinczel;
Fiona Powell, Sopran, und Stephan Loges, Bariton, hielten ebenfalls einen
guten Kurs, mit der Höhe und der Durchschlagskraft Mühe
bekundete der Tenor Paolo Vignoli. Joachim Krause leitete das
Konzert mit detailkundiger Umsicht.
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Konzerte vom 1./2. Dezember 2000:
Messe in h-Moll (J.S.Bach) |
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Zum Jubiläum die bedeutendste Messe Bachs
von Boris Schibler
©Basler Zeitung/Dreiland Zeitung,30.11.2000
Sie wird zu den wesentlichen Kompositionenvon Joahnn Sebastian Bach gezählt und innerhalb ihres Genres nur noch mit der Missa Solemnisvon Ludwiz van Beethoven verglichen: die Hohe Messe in h-Moll, BWV 232. Ihre Entstehungerstreckte sich über mehrere Jahre; am Ende stand ein Kunstwerk, das aus 15 Chorsätzen und neun Solostücken besteht und eine grosseOrchesterbesetzung verlangt. Ein Werk, mitdem das 90. Vereinsjahr des Basler Bach-Chorswürdig begangen wird. Unter der Leitung vonJoachim Krause spielt dazu das BarockorchesterCapriccio Basel, ein junges Ensemble, das sichder historischen Aufführungspraxis verschriebenhat.
Bach verwendete eine Vielzahl von Ausdrucksmitteln, um die verschiedenen Inhalte des lateinischenTextes wiederzugeben. Mit Elementen des gregorianischen Chorals, Anklängen an den niederländischen Stil, Fugen, Arien und Duetten wird eine Atmosphäre geschaffen, die mal mystisch, mal fröhlich ist, von der Hirtenweise bis zum Hymnus reicht. Warum Bach eine Messe komponierte, die wegenihres Umfangs in einem Gottesdienst gar nichtaufgeführt werden konnte, gibt noch immer Anlass zuSpekulationen. Ist man aber erstin die barocken Klangwelten des Werkes eingetaucht, speilt dieskeine Rolle mehr.
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Zügige Tempi
von Martina Wohltat
©Basler Zeitung,4.12.2000
Von der Basler Chor-Institution, die seit ihrer Gründung imJahr 1911 die Bach-Pflege ausdrücklich auf ihre Fahnen geschrieben hat, durfte man im Gedenkjahr des Namenspatrons Johann Sebastian BachBesonderes erwarten. Die Wiedergabe von Bachs «Messe in h-Moll» durch den Basler Bach-Chor unter Joachim Krause in derMartinskirche erfüllte diese Erwartungen.
Im Mittelpunkt der Aufführung standen der lebendige Ausdruck und Gehalt von Bachs Musik. Das Resultat zeugte von einer sorgfältigen Einstudierung. Die Aufführung nahm die Aufgabe der Vermittlung eines exemplarischen Werkes ernst, ohne ihm romantische oder modernistische Interpretationsansätze aufzuzwingen. Die Wiedergabe wirkte gerade deshalb aus sich heraus stimmig.
Dirigent Joachim Krause schöpfte in den anspruchsvollenChorfugen die Kräfte seines Chores gründlich aus. Besonders überzeugend gelang das aus den absteigenden Mollakkorden herausmodellierte «Qui tollis». Ebenso geschlossen bewältigte der Chor das vom Continuo begleitete «Confiteor» im alten Kirchenstil. Die Frauenstimmen sangen rein und höhensicher, die Tenöre und Bässeersetzten Masse durch Klasse. Nur im «Cum sancto spiritu» waren die Choreinsätze dem voranstürmenden Impuls des Dirigenten nicht ganz gewachsen. Krause wählte zügige Tempi. Er gliederte überschaubar und verband die traditionelle Bach-Pflege im grossen Chorverband mit historisch informiertem Musizieren auf der Höhe unserer Zeit. Das auf historischen Instrumenten spielende Kammerorchester «Capriccio Basel» war dafür ein verlässlicher Partner. Das von jungen professionellen Musikern gegründete Orchester hat sich in kürzester Zeit an die Spitze der einheimischenBarockorchester gespielt. Die Instrumente in alter Mensur tönten klangschön und präzise in der Ansprache. Oboen undTraversflöten erfreuten durch ihre sorgsame Phrasierung. Ein deutliches Plus für die Aufführung. Im «Crucifixus» verdeutlichte das Staccato der Streicher zur Chorklage expressiv densteinigen Kreuzweg. Und noch der Freudenausbruch der Sängerscharen im «Et expecto» bot Raum für ein feines, kleinesPaukensolo.
In den konzertanten Arien wetteiferten die Instrumentalisten von«Capriccio Basel» mit den Vokalsolisten. Konzertmeister Dominik Kiefer brillierte im »Laudamus te» neben derSopranistin Karin Schöllhorn mit halsbrecherischen Verzierungen. Die ventillosen Trompeten machten ihre Sache gut. Einzig das Corno da caccia tönte in der vom Bass Marcus Niedermeyr rund intonierten «Quoniam»-Arie etwas wacklig. Das «Benedictus»formte der Tenor Christoph Wittmann souverän zum meditativen Ruhepunkt aus. Die Bitte um Vergebung im «Agnus Dei»gestaltete die Altistin Silke Marchfeld als eine noch lange nachklingendeEpisode von fast überirdischer Schönheit.
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