Gespräch mit  Joachim Krause

Joachim Krause, was bist du eigentlich in erster Linie: Dirigent? Organist? Kirchenmusiker? Musiker? Kunstmanager? Oder alles zusammen?

Ich würde sagen: Alles zusammen, denn das eine geht nicht ohne das andere. Ich bin ja zunächst mal von meiner Ausbildung her Kirchenmusiker, und dann haben sich die anderen Felder im Laufe der Jahre wie von selbst ergeben.

 

Wie wichtig sind deine anderen Aktivitäten für die Tätigkeit als Chordirigent, besonders als Leiter des Basler Bach-Chores?

Das ist schwierig zu beantworten, weil alles ineinandergreift. Ich denke, als wichtigstes Standbein habe ich die Heiliggeistkirche, mit der habe ich ja in Basel begonnen. „Standbein“ nicht nur örtlich, weil hier meine Bibliothek und meine Instrumente stehen; es ist auch meine Haupttätigkeit, mit einer 80%-Stelle als Kantor. Von hier strahlt sehr viel, was ich als Organist und mit der Kantorei mache, in die Stadt aus. Der Bach-Chor ist ein weiteres Tätigkeitsfeld, wo ich Dinge realisiere, die ich als Kirchenmusiker in der Heiliggeistkirche nicht umsetzen könnte.

Erst gemeinsam ergeben die verschiedenen Bereiche ein vollständiges Bild. Das enthält verschiedene Farben, es gibt Bildbestandteile, die mehr im Hintergrund oder ein bisschen am Rande sind, und im Zentrum stehen zwei, drei Dinge, aus denen sich wiederum Nebenstränge ergeben. Ich könnte da nicht sagen, das eine sei weniger wert oder wichtig als das andere, es hat alles seine eigene Gewichtung.

 

Was ist für dich das Besondere daran, mit musikalischen Laien, mit Dilettanten im besten Sinn des Wortes, zu arbeiten?

Die Laienchorbewegung gab es ja historisch lange vor den Berufschören. In teils bürgerlichem, teils kirchlichem Umfeld gibt es die Chor- und Musizierbewegung seit 200 oder 300 Jahren. Sie hatte sich zur Aufgabe gemacht, Musik als erzieherisches und menschenbildendes Element in die Gesellschaft hineinzugeben und die Gesellschaft dadurch zu prägen. Dieser Gedanke des Mitprägens hat die Entstehung unserer heutigen Kultur wesentlich beeinflusst. Es hat sich mit der Zeit eine Aufteilung in das Laien- und das Profiwesen ergeben, aber im Bereich der Chöre ist das Laienwesen vorherrschend geblieben. Leider hat in unserem Sprachgebrauch das Wort Laie einen eher schlechten Ruf, dabei bedeutet es nur, dass jemand etwas nicht berufsmässig betreibt, d.h. mit dieser Tätigkeit nicht seinen Lebensunterhalt bestreitet. Gerade im Chorwesen bedeutet das nicht, dass von den Möglichkeiten und Fähigkeiten her nicht ein sehr hohes Niveau zu erreichen wäre. Es braucht einfach – und das ist mir sehr wichtig – mehr Zeit. Es braucht Nachhaltigkeit! Man kann z.B. mit Laien nicht innerhalb von vier Proben ein Werk „hinkriegen“. Man braucht mehr Zeit, um ein Werk einzustudieren, und insgesamt noch viel mehr Zeit, um einen Chorklang, ein Chorgedächtnis, eine Chorschulung aufzubauen. Je mehr und je länger ich als Chorleiter arbeitete, desto klarer ist mir das geworden. Das Pflegen und Fordern solcher Nachhaltigkeit bei der Arbeit mit den verschiedenen Ensembles ist mir mittlerweile zu einem ganz grossen Anliegen geworden.

Ich sehe bei allen Chören, mit denen ich arbeite, wie sich im Laufe der Zeit stimmliche Fähigkeiten und eine stimmliche Kultur entwickeln, die zu erreichen sich der Einzelne kaum je vorgestellt hätte. So gelingt es, einen Mangel an individuellem Können durch die Grösse einer Stimmgruppe mit den unterschiedlichen Fähigkeiten ihrer Mitglieder wettzumachen.

Übrigens glaube ich, dass durch diese Arbeit jeder Chor einen ganz speziellen, unverwechselbaren Chorklang bekommt. Der Basler Bach-Chor hat zum Beispiel einen anderen Klang als der Gemischte Chor Zürich, und man muss und soll diese Unterschiede herausarbeiten. Ich halte es für eine meiner Aufgaben, diesen Charakter eines Chores zu stärken und zu formen.

 

Ich habe das Glück, selbst seit 12 Jahren im Basler Bach-Chor mitsingen zu dürfen. Ich meine, im Rückblick feststellen zu können, dass sich der Chor nur schon in diesen 12 Jahren weiterentwickelt hat. Ich bin überzeugt, dass Bachs H-moll-Messe im Frühling 2011 anders klingen wird als 5 oder 11 Jahre zuvor. Der Chor lernt dazu, wird reifer – obwohl es natürlich bei den Mitgliedern Fluktuationen gibt und obwohl von den neu eingetretenen Sängerinnen und Sängern längst nicht alle die H-moll-Messe schon einmal gesungen haben. Offenbar gibt es tatsächlich ein Chorgedächtnis. Aber wie das funktioniert?

Ich mache ja in allen Chören, die ich leite, selber die Stimmbildung, und das immer spezifisch auf das Werk ausgerichtet, das wir gerade einstudieren. Als Basler Bach-Chor singen wir natürlich wesentlich mehr Werke unseres Namenspatrons als die anderen Chöre in der Umgebung – so führen wir in den fünf Jahren um unser Jubiläum herum jedes Jahr eines der grossen Bach-Werke auf. So gibt es Werke, die wir nun in den vergangenen 25 Jahren zum vierten, fünften oder sechsten Mal aufführen. Da sind dann viele Dinge schon da, die kommen automatisch, wenn ich sie bloss antippe. Ich kann also dank dem, was von der letzten Aufführung her noch da ist, schon auf eine andere Stufe springen, als wenn ich zwei Drittel der Proben dafür aufwenden müsste, um erst einmal Rhythmus, Noten und Dynamik einzustudieren. So können wir z.B. jetzt bei der H-moll-Messe viele Differenzierungen erarbeiten, die beim ersten Einstudieren noch gar nicht möglich waren, da bis zur Aufführung überhaupt erst der Notentext, die Phrasierungen, die Dynamik rezipiert werden mussten. Je besser und sicherer ein Chor wird, desto mehr kann sich ein Dirigent überlegen, was er bei einer bestimmten Stelle noch weiter differenziert. Ihr habt im Chor ja bemerkt, dass nicht alles gleich gesungen wird wie bei der Aufführung vor fünf Jahren.

Die Sängerinnen und Sänger, die so ein Werk zum ersten Mal singen, sind natürlich mehr gefordert, sie müssen sich selbst weiterbilden, zu Hause zu üben. Sie merken ja: „O Gott, ich komm gar nicht mit – und der Dirigent geht einfach weiter.“

Die Voraussetzung ist, ich wiederhole es, die Nachhaltigkeit und damit die zeitliche Dauer der gemeinsamen Arbeit. Ich habe ja noch einiges vor mit dem Basler Bach-Chor. Man pflanzt einen Baum, man hegt und pflegt ihn, und wenn die Früchte kommen, sollte man nicht gehen und jemanden anderen ernten lassen. Ich denke, jetzt ist die Zeit der Ernte gekommen, aber natürlich auch die der Weiterführung und der Veredelung. Und ich spüre, dass der Chor bereit ist, dazu beizutragen. Es geht ja nur in gegenseitigem Einvernehmen.

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